Quo Vadis Diskussionskultur?

Kommt dieser Artikel zu spät? Für Diskussionen in der Vergangenheit bestimmt. Das Thema liegt mir jedoch am Herzen. Für die Vergangenheit zu spät, für die Zukunft jedoch bedenkenswert.

Nach den Flagaktionen der ersten und zweiten Woche des Jahres sind mir ein paar grundsätzliche Dinge durch den Kopf gegangen. Ich will jetzt nicht in eine Bewertung der Flags einsteigen, die damals verteilt wurden, auch wenn es aufgrund der folgenden Sätze so anmuten mag.

Ich habe damals einige Einträge bei Steemworld nachgeschaut und hatte nicht den Eindruck, dass willkürlich geflaggt wurde. Es ging um Personen, mit einer ganz bestimmten politischen Einstellung. Der eine oder andere Artikel hatte (auch meiner Meinung nach) den Flag nicht verdient – aber grundsätzlich scheinen die Flags auf diese Artikel auch als Warnung gemeint worden zu sein. Wer ein bisschen tiefer ins Glas geschaut hat, wird gemerkt haben, dass es auch eine Reihe gar nicht netter Kommentare gab, die ausgerechnet mit einem Bild von jungen Schafen garniert wurden. Diese Rückmeldungen finde sogar ich übertrieben …

Ich denke, unsere Gesellschaft spaltet sich gerade sehr weit auf. Im Großen wie im Kleinen. Nicht nur in den USA und nicht nur in Europa. Die politischen Überzeugungen mögen sich ähneln. Jedoch die Aggressivität oder auch Nichtaggressivität, mit der sie verteidigt werden, ist meines Erachtens hier und da drüben noch verschieden. Was sich nicht unterscheidet, ist die Tatsache, dass es keine zeitlichen und örtlichen Grenzen der Meinungsäußerung mehr gibt.

Es wird nicht oder nicht nur in kleinen Gruppen mit ähnlicher Einstellung zu bestimmten Zeiten politisiert, sondern tagtäglich und beinahe überall. Fast jeder hat heute ein Smartphone oder ein Tablet und die Diskussionen sind nur einen Klick oder ein paar Tastendrücke entfernt. Man kann sich kaum verstecken. Vor den Meinungen und Worten anderer, vor allem aber nicht vor dem, was es mit einem macht, wenn man sich bestimmten Äußerungen und Berichten aussetzt.

Hier wie drüben ist es anscheinend zum guten Ton geworden, Politiker, vor allem der Opposition, zu beleidigen. Wer ein Beispiel braucht, kann mal hier auf Steemit und anderswo nach Berichten zu Nancy Pelosi suchen.

Ja, ich weiß, ein bisschen gehörte das Herumkritteln am politischen Gegner schon immer dazu. Aber meines Erachtens hat ein gesprochenes Wort viel weniger Möglichkeiten, zu verletzen, zu manipulieren und verbreitet zu werden, als ein geschriebenes Wort.

Wer erinnert sich an den Amoklauf in München? Damals wurde aus verschiedenen anderen Lokalitäten der Stadt alles per Twitter oder Facebook gemeldet, was ein Schuss hätte sein können. Mit dem Ergebnis, dass eine ganze Weile keine Klarheit über die tatsächliche Zahl der Tatorte bestand und sich Leute verletzt haben, die sich nicht hätten verletzen müssen. Ein Bekannter von mir führt das heute noch als das Paradebeispiel für die Bösartigkeit der sozialen Medien an.

Viele von uns nehmen an, zum Selbstschutz in unserer Blase bleiben zu müssen – „Psychohygiene“. Wir alle sehen Steemit auch als Mittel zur Kommunikation unserer politischen Meinung oder zumindest derjenigen Dinge, die uns bei Politikern stinken. Es ist nicht so, daß jetzt Meinungen geäußert würden, die es früher nicht gab. Es gibt nur keinen Raum zur Abgrenzung mehr. Außer eben den, Meinungen zu ignorieren, Aussagen zu blockieren oder verbergen zu lassen. Das Bedürfnis, sich seiner selbst sicher zu sein, ist ja nicht verschwunden, nur weil die Kommunikationswege kürzer geworden sind und man jetzt einer viel größeren Wahrscheinlichkeit ausgesetzt ist, sich mit Meinungen und Fakten auseinandersetzen zu müssen, mit denen man sich nicht auseinandersetzen will.

Es bleibt also die Frage, welche Mittel man hat, sich und seine Gesinnungsgenossen zu schützen vor Dingen, die man nicht hören oder lesen möchte. Die man nicht verbreitet sehen möchte. Steemit ist ja nun unter anderem auch: ein Kommunikationskanal für extreme Meinungen. Von daher ist die Wahrscheinlichkeit für Reibereien meines Erachtens so oder so größer.

In meinen Augen ist es eine der großen Verantwortungen des 21. Jahrhunderts: die globalen Kommunikationsmittel zu nutzen, um Gesellschaften zu einen. Leider passiert genau das Gegenteil. Vielleicht ist es anders nicht möglich – ich weiß es nicht.

Aber jeder von uns kann anderen mehr und öfter zuhören. Äußerungen wie „Du bist der letzte Dreck“, oder Ähnlichen, sollten das letzte Mittel sein, wenn überhaupt.

Vielleicht müssen wir uns auch öfter fragen, warum wir oder andere so mit dem Rücken zur Wand stehen, dass keine andere Art des Handelns mehr möglich erscheint und ob wir dazu nicht auch beitragen.

Und das ist nicht nur eine lokal-soziale Verantwortung, sondern auch eine globale, politische. ★